Über das positive Denken gibt es viele Missverständnisse. Das größte, über das ich immer wieder stolpere, ist, mit Gedankengewalt etwas schön zu reden, was einem im tiefsten Inneren missfällt.

Dann werden still, leise oder auch laut Affirmationen gebetsmühlenartig aufgesagt, die das schlechte Gefühl in ein gutes verwandeln sollen.

Wie beim Trösten geht es beim positiven Denken nicht darum, sich oder andere zu belügen, etwas schlecht Schmeckendes als köstlich zu preisen.

Verdorbenes Fleisch lässt sich nicht mit wohl duftenden Kräutern und Gewürzen in Frischware verwandeln, wenn es durchaus in Einzelfällen gelingen mag, den schlechten Geschmack zu übertünchen.

Positives Denken, das dem Denkenden Mühe bereitet, führt zu negativen Gefühlen. Wer sich anstrengt, womöglich verbissen auf einem Problem herumkaut, um sich gleichzeitig mit schönen Worten zu kleiden, nährt den Zwiespalt.

Genauer gesagt: Diese Art zu denken ist kein Denken. Es ist ein Wiederkäuen von bereits Gedachtem, Geschehenem, Erlebtem.

Die eigentliche Frage müsste demnach lauten: Wie kann ich mich aus einem Gedankenkarussell befreien, das mich vom Leben und Genießen abhält?

Mit Tricks ist dies selten getan. Vielmehr geht es darum, den eigenen Glauben zu untersuchen, ihm auf die Schliche zu kommen, und dazu gehört am Anfang, dass ich überhaupt bereit bin zu erkennen, dass ich glaube, was ich zu wissen meine, dass ich glaube, was ich für unverrückbare Realität halte.

Dieser entscheidende Schritt lässt sich nicht erzwingen. Und ich persönlich kenne auch keine Tricks, wie ich jemand dazu bringen könnte, sein vermeintliches Wissen als Glauben zu begreifen.

In unserer Welt ist schließlich der Glaube vorherrschend, dass es Realität gibt, die niemand verändern könne, dass Tatsachen sich nur durch Taten manipulieren ließen, dass vermeintlich Objektives nichts mit dem Denken, dem Geist zu tun hätte.

Menschen, die alles Materielle inklusive ihren Körper als gegeben betrachten, die alles, was diesem Körper widerfährt, einer Kraft zuschreiben, die von außen käme, auf die sie selbst keinen Einfluss hätten, finden unendlich viele Möglichkeiten der Rechtfertigungen für ihren Glauben bzw. aus ihrer Sicht ihr Wissen, und damit alles, was ihnen geschieht. Diskussionen, Hinweise, Infragestellungen werden gemäß ihrem Glauben abgewehrt, abgetan oder aggressiv bekämpft. Die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, für Krankheit wie Gesundheit, Pech wie Glück, widerstrebt ihnen, während sie gleichfalls unter den Abhängigkeiten leiden. Ihr Verhalten ähnelt dem eines trotzigen Kindes, das gegen seine Mutter rebelliert, aber nicht auf deren Zuwendungen verzichten will.

Ein Kind, das auf dem Boden liegt und mit Fäusten um sich schlägt, ist mit positivem Denken nicht zu erreichen. Im Gegenteil. Es wird das Mehr an Zuwendung mit einem Mehr an Ablehnung beantworten.

Ich kenne nur eine Möglichkeit, darauf zu reagieren: Das Kind sich selbst überlassen, sich seinem Kampf entziehen und anderem zuwenden. Genau hier beginnt das positive Denken, das nur einsetzen kann, wer sich seiner selbst bewusst ist, Verantwortung für das eigene Sein, Befinden, Handeln und Denken übernimmt.

„Der Klügere gibt nach“. D. h. der Klügere lässt los. Er widmet seine Aufmerksamkeit nicht mehr dem Kampf des trotzigen Kindes, sondern entzieht sich dieser negativen Situation, indem er sich auf etwas konzentriert, das ihm selbst Erleichterung verschafft und Freude bereitet.

Der Klügere kümmert sich nicht weiter um das trotzige Kind, sondern traut ihm zu, dass es sich von alleine aus seiner misslichen Lage befreit, indem er sich positiven, angenehmen Gedanken zuwendet, die nichts mit dem trotzigen Kind zu tun haben, statt sich weiterhin zu sorgen und den Glauben zu nähren, das Kind sei unselbständig und bedürfe seiner Gegenwart.

Dieser Trotzkopf kann ebenso das innere Kind sein, die eigene Wut, das eigene miese Gefühl. Dem miesen Gefühl wird einfach sein Dasein gelassen, während sich der kluge Beobachter bewusst auf etwas konzentriert, das ihm Freude bereitet bzw. Erleichterung verschafft.

Positives Denken widmet sich dem Erfühlen von Wegen, die aus dem aktuellen Dilemma führen, ungeachtet eines konkreten Zieles, offen für die Wunder des Lebens, das Geschehenlassen, ein Weg zu mehr Gelassenheit, Entspannung, Ruhe und Ausgeglichenheit. Nur ein ruhiger Geist kann wahrhaft denken und Neues schaffen.

Jutta Riedel-Henck, 7./23. Mai 2016

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